Deutschland ist zwar kein klassisches Hurrikan-Gebiet, doch schwere Winterstürme können hier enorme Windgeschwindigkeiten erreichen. Besonders an der Nord- und Ostseeküste sowie auf exponierten Bergen wurden bereits Orkanböen von weit über 150 km/h gemessen. Der absolute Rekord an einer deutschen Bergstation liegt sogar bei 335 km/h.
Doch hohe Windgeschwindigkeiten allein entscheiden noch nicht darüber, wie zerstörerisch ein Orkan wird. Größe des Windfeldes, Dauer, Bodenfeuchte, Bewaldung, Siedlungsstruktur und die Zahl der betroffenen Menschen spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle.
Die wichtigsten deutschen Windrekorde auf einen Blick
| Rekord | Messwert | Ort | Datum |
|---|---|---|---|
| Höchste Windgeschwindigkeit an deutscher Bergstation | 335 km/h | Zugspitze | 12. Juni 1985 |
| Höchste Böe im deutschen Tiefland laut DWD-Rekordübersicht | 184 km/h | List auf Sylt | 3. Dezember 1999 |
| Kyrill | 203 km/h | Wendelstein | 18. Januar 2007 |
| Kyrill | 199 km/h | Brocken | 18. Januar 2007 |
| Friederike | 205 km/h | Brocken | 18. Januar 2018 |
| Lothar | bis etwa 272 km/h | exponierte Berglagen | 26. Dezember 1999 |
Der Deutsche Wetterdienst führt die Zugspitze mit 335 km/h als herausragenden deutschen Windrekord. Der Messwert wurde am 12. Juni 1985 registriert. Im Tiefland lag der Spitzenwert in der DWD-Rekordübersicht bei 184 km/h in List auf Sylt.
Dabei muss zwischen Windgeschwindigkeit und Orkanböe unterschieden werden. Eine einzelne Böe kann wesentlich stärker ausfallen als der über einen längeren Zeitraum gemittelte Wind.
Was bedeutet eigentlich Orkan?
In der Beaufort-Skala beginnt ein Orkan bei Windstärke 12. Das entspricht einer Windgeschwindigkeit von mindestens 118 km/h.
Zur Einordnung:
| Beaufort | Bezeichnung | Geschwindigkeit |
|---|---|---|
| 8 | stürmischer Wind | 62–74 km/h |
| 9 | Sturm | 75–88 km/h |
| 10 | schwerer Sturm | 89–102 km/h |
| 11 | orkanartiger Sturm | 103–117 km/h |
| 12 | Orkan | ab 118 km/h |
Für Schäden sind allerdings häufig die kurzen Spitzenböen besonders relevant. Ein Sturm mit starken Böen kann deshalb erhebliche Schäden verursachen, auch wenn die durchschnittliche Windgeschwindigkeit deutlich niedriger liegt.
335 km/h: Deutschlands außergewöhnlicher Windrekord
Der spektakulärste deutsche Messwert stammt von der Zugspitze. Am 12. Juni 1985 registrierte die dortige Wetterstation eine Windgeschwindigkeit von 335 km/h.
Dieser Wert ist allerdings nicht direkt mit einem Orkan im Flachland vergleichbar. Die Zugspitze liegt auf fast 3.000 Metern Höhe und ist extrem exponiert. In solchen Höhen können wesentlich höhere Windgeschwindigkeiten auftreten als in dicht bebauten Regionen oder im Tiefland.
Der DWD unterscheidet deshalb bei seinen Rekordangaben zwischen Berg- und Tieflandstationen. Für das deutsche Tiefland nennt die DWD-Rekordübersicht 184 km/h in List auf Sylt.
Orkan Lothar: Bis zu 272 km/h
Ein besonders extremes Sturmereignis war Lothar, der am 26. Dezember 1999 über Teile Europas hinwegzog.
Der DWD nennt für Lothar Spitzenwerte von bis zu 272 km/h. Der Sturm entwickelte sich vor allem in Frankreich, der Schweiz und Süddeutschland zu einem außergewöhnlichen Ereignis. Auch in Deutschland wurden zahlreiche Wälder und Gebäude schwer beschädigt.
Lothar zeigt zugleich, warum reine Rekordwerte mit Vorsicht interpretiert werden müssen: Eine extreme Böe an einem exponierten Standort sagt nicht automatisch aus, dass ein ganzes Bundesland oder eine ganze Region gleichermaßen betroffen war.
Kyrill 2007: Einer der teuersten Orkane Deutschlands
Der Orkan Kyrill gehört zu den bedeutendsten Sturmereignissen der jüngeren deutschen Geschichte.
Am 18. und 19. Januar 2007 erfasste das Windfeld praktisch ganz Deutschland. Der DWD berichtet von mindestens 13 Todesopfern und rund 50 Millionen umgestürzten Bäumen. Außerdem wurden mehr als 25 Millionen Kubikmeter Holz zerstört.
Die stärkste vom DWD hervorgehobene Böe wurde mit 203 km/h auf dem Wendelstein gemessen. Auf dem Brocken waren es 199 km/h.
Noch eindrucksvoller fällt die Schadensbilanz aus:
- etwa 2,8 Milliarden Euro Versicherungsschäden in Deutschland nach DWD-Angaben
- mindestens 13 Todesopfer
- rund 50 Millionen umgestürzte Bäume
- mehr als 25 Millionen Kubikmeter zerstörtes Holz
- zeitweise vollständige Einstellung des Bahnverkehrs
Der DWD bezeichnete Kyrill als einen der bisher schwersten Orkane Deutschlands.
Auch die Münchener Rück kam unmittelbar nach dem Ereignis zu einer deutlich höheren europäischen Schadenschätzung. Für den gesamten versicherten Marktschaden wurden zunächst 5 bis 7 Milliarden Euro veranschlagt.
Warum Kyrill so viel Schaden verursachte
Kyrill war nicht nur wegen einzelner extremer Böen gefährlich.
Entscheidend war die Kombination aus:
- großflächigem Windfeld
- langer Sturmdauer
- starken Böen
- Gewittern und einer aktiven Kaltfront
- bereits winterlich belasteten Wäldern
- hoher Zahl betroffener Gebäude und Verkehrswege
Der DWD beschreibt insbesondere die große betroffene Fläche als charakteristisches Merkmal von Kyrill.
Das erklärt, warum ein Sturm mit einer etwas niedrigeren Spitzenböe unter Umständen größere volkswirtschaftliche Schäden verursachen kann als ein lokal stärkerer Sturm.
Friederike 2018: Über 200 km/h am Brocken
Elf Jahre nach Kyrill folgte Friederike. Der Orkan zog am 18. Januar 2018 über Deutschland hinweg.
Auf dem Brocken wurde eine Spitzenböe von 205 km/h registriert. Im Flachland erreichte eine Station in Sachsen-Anhalt 146,3 km/h.
Deutschlandweit wurden acht Todesopfer verzeichnet. Die versicherten Schäden beliefen sich nach Angaben der Deutschen Rück beziehungsweise des GDV auf rund 1 Milliarde Euro:
- etwa 900 Millionen Euro Sachschäden
- etwa 100 Millionen Euro Kfz-Schäden
Damit war Friederike zwar lokal extrem windstark, blieb bei den Gesamtschäden aber deutlich hinter Kyrill zurück.
Kyrill gegen Friederike: Warum ähnliche Böen unterschiedlich teuer werden
Ein interessanter Vergleich ergibt sich zwischen Kyrill und Friederike.
Bei Friederike wurden lokal sogar höhere Spitzenböen gemessen als bei Kyrill. Trotzdem verursachte Kyrill wesentlich größere Schäden.
Die Deutsche Rück erklärt den Unterschied unter anderem mit dem größeren Windfeld und der längeren Sturmdauer von Kyrill. Hinzu kamen Gewitter, Tornados und starke Niederschläge.
| Merkmal | Kyrill 2007 | Friederike 2018 |
|---|---|---|
| stärkste genannte Böe | 203 km/h | 205 km/h |
| versicherter Schaden Deutschland | ca. 2,1–2,8 Mrd. € | ca. 1 Mrd. € |
| Todesopfer | mindestens 13 | 8 |
| betroffene Fläche | sehr groß | großer, aber schmalerer Streifen |
| besondere Wirkung | Gewitter, Tornados, große Windfläche | starke Orkanböen, hohe lokale Schäden |
Die unterschiedlichen Schadenssummen zeigen: Die stärkste Böe ist nicht automatisch der beste Indikator für die Gesamtschäden eines Orkans.
Sturmschäden in Deutschland: Welche Bereiche besonders gefährdet sind
Orkane können innerhalb weniger Stunden unterschiedliche Schadensarten verursachen.
Wälder
Bäume gehören zu den sichtbarsten Opfern schwerer Stürme. Besonders gefährdet sind flach wurzelnde Bäume, geschwächte Bestände und Waldränder.
Kyrill war für die deutsche Forstwirtschaft besonders verheerend. Allein in Nordrhein-Westfalen wurden nach damaligen Schätzungen rund 25 Millionen Bäume gefällt.
Gebäude
Typische Schäden sind:
- abgedeckte Dächer
- beschädigte Dachziegel
- zerstörte Fenster
- Schäden an Fassaden
- beschädigte Rollläden
- herabfallende Bauteile
- Schäden durch umgestürzte Bäume
Verkehr
Starke Stürme können Bahnstrecken, Straßen und Flughäfen erheblich beeinträchtigen.
Bei Kyrill stellte die Deutsche Bahn erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte den gesamten Schienenverkehr ein.
Fahrzeuge
Autos sind insbesondere durch umstürzende Bäume, herabfallende Äste und Gebäudeteile gefährdet.
Bei Friederike entfielen etwa 100 Millionen Euro der versicherten Schäden auf Kraftfahrzeuge.
Wie teuer sind schwere Orkane?
Die Schadensstatistiken zeigen enorme Unterschiede.
Ein grober Überblick:
| Sturm | Jahr | ausgewählte Schadensbilanz Deutschland |
|---|---|---|
| Kyrill | 2007 | ca. 2,1–2,8 Mrd. € versicherte Schäden |
| Friederike | 2018 | ca. 1 Mrd. € versicherte Schäden |
| Lothar | 1999 | schwere Schäden in Süddeutschland; besonders betroffen waren Wälder und Gebäude |
Bei historischen Ereignissen muss berücksichtigt werden, dass unterschiedliche Quellen verschiedene Schadensdefinitionen verwenden. Manche Zahlen beziehen sich nur auf versicherte Schäden, andere auf direkte Gesamtschäden. Deshalb sind historische Milliardenbeträge nicht immer unmittelbar miteinander vergleichbar.
Sturm, Orkan und Orkanböe: Die wichtigsten Begriffe
In Wetterberichten werden mehrere Begriffe verwendet, die häufig verwechselt werden.
Sturm: Windstärke 8 nach Beaufort, also 62 bis 74 km/h.
Schwerer Sturm: Windstärke 10 mit 89 bis 102 km/h.
Orkanartiger Sturm: Windstärke 11 mit 103 bis 117 km/h.
Orkan: Windstärke 12 ab 118 km/h.
Orkanböe: Eine besonders starke, kurzfristige Windspitze. Sie kann deutlich über der mittleren Windgeschwindigkeit liegen.
Gerade bei Schadensanalysen sind diese Unterschiede wichtig. Ein Messwert von 150 km/h bedeutet nicht, dass der Wind über Stunden konstant mit 150 km/h geweht hat.
Werden Orkane in Deutschland stärker?
Die Entwicklung extremer Stürme ist wissenschaftlich komplexer als die Frage, ob einzelne Rekordböen häufiger auftreten.
Einzelne besonders schwere Orkane lassen sich nicht ohne Weiteres als Beleg für einen langfristigen Klimatrend interpretieren. Die natürliche Schwankung der europäischen Westwindlagen ist groß.
Gleichzeitig verändert der Klimawandel verschiedene Rahmenbedingungen. Für die Bewertung künftiger Sturmrisiken werden deshalb nicht nur maximale Windgeschwindigkeiten betrachtet, sondern auch Faktoren wie Exposition, Bebauung, Waldstruktur und wirtschaftliche Werte.
Für die Schadensentwicklung kann zudem entscheidend sein, dass immer mehr Sachwerte in gefährdeten Gebieten stehen. Selbst wenn sich ein meteorologischer Extremwert kaum verändert, können die finanziellen Schäden steigen, wenn die Zahl und der Wert der betroffenen Gebäude und Fahrzeuge zunehmen.
Was bedeutet eine Orkanböe von 150 km/h?
150 km/h entsprechen rund 41,7 Metern pro Sekunde.
Bei solchen Windgeschwindigkeiten können lose Gegenstände zu gefährlichen Geschossen werden. Äste können abbrechen, Bäume umstürzen und Dächer beschädigt werden.
Bei noch höheren Geschwindigkeiten steigt das Schadenspotenzial deutlich. Besonders exponierte Gebäudeteile wie Dächer, Markisen, Rollläden und leichte Konstruktionen sind gefährdet.
Deshalb sollten bei einer Orkanwarnung Gartenmöbel, Pflanzkübel, Mülltonnen und andere lose Gegenstände gesichert werden. Auch Fahrzeuge sollten möglichst nicht unter Bäumen oder in unmittelbarer Nähe instabiler Konstruktionen abgestellt werden.
Die stärksten Orkanböen sind nicht automatisch die gefährlichsten Stürme
Der deutsche Windrekord von 335 km/h auf der Zugspitze ist meteorologisch spektakulär. Für die Bewertung des gesellschaftlichen Risikos sind jedoch andere Zahlen häufig wichtiger.
Ein Orkan wie Kyrill zeigt, wie groß die Auswirkungen eines großflächigen Ereignisses sein können:
203 km/h Spitzenböe am Wendelstein, mindestens 13 Todesopfer, rund 50 Millionen umgestürzte Bäume und Milliarden Euro Versicherungsschäden.
Friederike wiederum erreichte am Brocken sogar 205 km/h, verursachte deutschlandweit aber eine deutlich geringere Schadenssumme.
Fazit: Deutschlands Orkanrekorde reichen bis 335 km/h
Die stärksten gemessenen Windgeschwindigkeiten Deutschlands liegen weit über 300 km/h. Der herausragende Rekord stammt mit 335 km/h von der Zugspitze aus dem Jahr 1985. Im deutschen Tiefland wurde in der DWD-Rekordübersicht eine Spitzenböe von 184 km/h in List auf Sylt registriert.
Bei historischen Orkanen stechen vor allem Lothar, Kyrill und Friederike hervor. Kyrill verursachte 2007 besonders große Schäden, obwohl Friederike elf Jahre später lokal sogar eine höhere Spitzenböe erreichte.
Die wichtigste Erkenntnis für die Sturmstatistik 2026 lautet daher: Nicht allein die höchste Windgeschwindigkeit entscheidet über die Zerstörungskraft eines Orkans. Entscheidend sind auch die Größe des Windfeldes, die Dauer, die betroffene Region, die Boden- und Waldverhältnisse sowie die vorhandene Infrastruktur.
